Bericht von Gabriele Rodríguez

Vom 4. bis 6. Oktober 2018 fand im Adalbert-Stifter-Haus in Linz ein Symposium zur Namenforschung mit dem Thema: „Namenforschung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Öffentlichkeit“ statt. Es war zugleich die 10. Tagung des Arbeitskreises für bayrisch-österreichische Namenforschung (ABÖN) und Tagung des Arbeitskreises Namenforschung in der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung (AkNf/GfN).

Eröffnet wurde das Symposium von der Direktorin des Adalbert-Stifter-Instituts des Landes Oberösterreich Frau Petra-Maria Dallinger, von Peter Ernst von der Universität Wien (Verein zur Erforschung von Sprache und Name in Österreich) und Albrecht Greule von der Universität Regensburg (Arbeitskreis für Namenforschung in der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung).

Es wurden 33 Vorträge von Namen- und Sprachforschern aus Österreich und Deutschland sowie aus der Schweiz, Ungarn, Polen, der Tschechischen Republik, Lettland, Georgien, Slowenien und Japan gehalten. Wegen der zahlreichen Vorträge gab es neben den Plenarvorträgen jeweils zwei Sektionen. Das vollständige Programm kann hier eingesehen werden.

Die Vorträge befassten sich zum Einen mit der Erarbeitung und Präsentation von Namenbüchern von Wissenschaftlern für vor allem auch interessierte Laien, Wörterbuchartikeln, falschen Deutungen und Belegen sowie Volksetymologien, Keltomanie und Germanenkult im Internet.

(Albrecht Greule: Zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit: Das Namenbuch; Wolfgang Janka: Zur Behandlung bayrischer Ortsnamen im Internet: Tendenzen und mögliche Raktionen; Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein: Das Lexikon bayrischer Ortsnamen und die Populärwissenschaft; Karl Hohensinner: Namendeutung zwischen Wissenschaft und Esoterik; Martin Hannes Graf: Die Forschungsinfrastruktur <<ortsnamen.ch>> im Spiegel ihrer Benutzung durch Wissenschaft und Öffentlichkeit; Peter Wiesinger: Volksetymologie; Magdalena Schwarz: Ortsnamen im Lungau neu aufbereitet; Andrea Weber: Die Siedlungsnamen ‚Hochwegen‘, ‚Fischergrün‘ und ‚Ringelai‘ im ehemaligen niederbayrischen Landkreis Wolfstein. Entwicklung, Volksetymologien und Deutungsansätze; Manuela Krieger, Onymische Volksetymologien und ihr Einfluss auf die Entstehung von Sagen, Legenden, Patrozinien und Heraldiken; M. Siller: Fragen der Namenforschung im Nibelungenlied; Volker Schimpff: Multifaktorielle Ethnonymisierung? Warum die Baiern Baiern heißen: Ein etymologischer Dauerbrenner im Spannungsfeld von öffentlicher Aufmerksamkeit und begrenzter historisches Aussage; Alois Dicklberger:“Unser Ortsname soll schöner werden! Aufhübschung durch Namenwechsel und Namenergänzung; Rosa Kohlheim: Vornamenlexika im Spannungsfeld von Namenforschung und Öffentlichkeit.)

Die vorhandenen Namenbücher sind für die meisten Laien zu wissenschaftlich. Sie suchen in der Regel nach einer eindeutigen Erklärung. Daraus ergeben sich neue Anforderungen für die Namenforschung: Namenartikel in Namenbüchern und im Internet müssen verständlich und ansprechend gestaltet werden.

Angesprochen wurden auch Wissensvermittlung, Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, mit der Presse und Namenberatung.

(Christian Zschieschang: Der Vortrag beim Heimatverein. Überlegungen zur Praxis des onomastischen Wissenstransfers; Jutta Leskovar: Fakten, Fiktionen, Fake-News: Archäologische Quellen und das Neuheidentum; Armin Höfer: Die Ortsnamenserie „Von Ort zu Ort“: Die Vermittlung der Ortsnamenkunde für die Leserschaft einer Tageszeitung; Anikó Szilágyi-Kósa: „Laienhafte“ Beurteilung von Vornamen innerhalb der ungarischen Sprachgemeinschaft; Jana Valdrová: Namengebung im Tschechischen aus der Perspektive der Linguistik der Gender- und sexuellen Identitäten; Gabriele Rodríguez: Vornamen gehen immer? Namenberatung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit; Harald Bichlmeier: Von der Zusammenarbeit mit der Presse und Archäologen – oder: wozu die Beschäftigung mit Ortsnamen ‚Magdeburg‘ und ‚Roma‘ führen kann; Gerhard Schwentner: Das Ende einer Legende – vom Mythos der unveränderlichen Haus- und Hofnamen in Oberösterreich; Renāte Siliņa-Piņķe, Sanda Rapa: Latvijas vietvārdu talka. Projekt für digitales Sammeln der Toponyme Lettlands.)

Aus translatorischer Sicht und Zweisprachigkeit wurden Namen ebenso betrachtet.

(Ewa Wojaczek: Geographische Namen als translatorisches Problem; Uršula Krevs Birk: Deutsche und slowenische toponymische Namenspaare; Heinz-Dieter Pohl: Die zweisprachigen Kärtner Ortsnamen in der politischen Diskussion; Marina Andrazashvili: Namen der Bundesländer: Interlinguale Allonyme aus Treue zur Tradition oder Wende zu Endonymen?)

Zur „Literarischen Onomastik“: Fachinterne Kommunikationsprobleme einer Brückenwissenschaft referierte Volker Kohlheim, zur Namengebung im öffentlichen Raum am Beispiel von Karl Lueger Peter Ernst, zu Personennamen der Runeninschriften von Aalen und Wurmlingen Robert Nedoma und zur Namengebung der Habsburger im Barockzeitalter Wolfram Aichinger und Michael Mitterauer.

Zwei Vorträge beschäftigten sich mit Pflanzen- und Tierbezeichnungen und ihrer Systematisierung (Isabel Kranz, Megumi Kurobe, Heimo Rainer und Erna Aescht). Sind Pflanzennamen Eigennamen? Diese Frage stand im Raum.

Alle Vorträge waren sehr interessant, da diese einen Bezug zur Öffentlichkeit hatten. Die unterschiedlichen Erfahrungen mit der Öffentlichkeit und dem Internet zeigten wieder einmal, dass die Anforderungen an die Namenforscher mit zunehmender Digitalisierung sich verändert haben. Die anregende Diskussion zu den Vorträgen bestätigt den Handlungsbedarf im Umgang mit der Namenforschung als Wissenschaft und ihre Vermittlung an Laien. Es gilt der zunehmenden Keltomanie, kultischen und falschen Deutungen entgegen zu wirken.  Zahlreiche Vorträge waren eine Bereicherung und konnten die Teilnehmer für bestimmte namenkundliche Themen in anderen Ländern sensibilisieren. So veraunschaulichte z. B. Frau Jana Valdrová deutlich die Problematik der weiblichen Familiennamen in der Tschechischen Republik, die im Vergleich zu anderen slawischen Ländern wie z. B. Polen sehr streng gehandhabt wird. Transgender werden durch die Namenmuster regelrecht stigmatisiert.

Das Rahmenprogramm beinhaltete einen Empfang im Stifter-Haus mit Besichtigung des Museums, eine Exkursion auf den Pöstlingberg und eine Fahrt nach St. Florian. Für die sehr gute Organisation der Veranstaltung ist vor allem Herrn Stephan Gaisbauer zu danken.