Kinder von Johann Sebastian Bach

Heute, am 333. Geburtstag von Johann Sebastian Bach möchten wir auf einen namenkundlich relevanten Leipziger Fund von 1978 hinweisen. Der ehemalige Superintendent Herbert Stiehl (1909-1992) fand damals in der Leipziger Thomaskirche ein Kartonkästchen mit Tausenden von Taufzetteln, einfach und zweifach gefaltet, 1699 beginnend. Diese Taufzettel hatten zwei verschiedene Funktionen: Einmal dienten sie der Abkündigung innerhalb des umfänglichen Fürbitten- und Gebetsteils am Schluss des Kanzeldienstes (…) zum anderen aber dienten die Taufzettel zur Vorlage der Eintragung im Taufbuch der Thomaskirche.  Auf diesen Taufzetteln finden sich die folgenden Informationen: Tag der Taufe, NAMEN und Stand der Eltern und Paten, gelegentlich auch Angaben zu Beruf und Herkunft und der Name des Täufers. Der Name des Kindes wird oft ausdrücklich mit den Worten „Des Kindes Name soll sein“ oder „Das Kind soll heißen“ eingeführt. In dieser Sammlung finden sich fünfzehn Zettel, die mit dem berühmten Thomaskantor Johann Sebastian Bach (1685-1750) in Beziehung stehen, darunter auch zwölf seiner Kinder. Die Leipziger Bachkinder entstammen der zweiten Ehe, die Bach nach dem Tod von Maria Barbara Bach (1684-1720) mit Anna Magdalena Wilcke (1701-1760) einging. Insgesamt hatte Bach zwanzig Kinder, sieben mit Maria Barbara und dreizehn mit Anna Magdalena.

(Abb.: Taufzettel Gottfried Heinrich Bach 1724, Quelle: PETZOLDT 2008:13. Das Original befindet sich im Archiv der Thomaskirche zu Leipzig. Faksimiles aller Taufzettel können über den Verein Thomaskirche – Bach 2000 bezogen werden.)


  1. Kind: Für die 1723 als erstes gemeinsames Kind geborene Christiana Sophia Henrietta gibt es keinen Taufzettel.
  2. Kind: Der Taufzettel Gottfried Heinrich (1724-1763) (vgl. Abb.). Annhand dieses Taufzettel können wir die Nachbenennung nach zwei der drei Paten feststellen, der erste Name Gottfried ist der des damals regierenden Bürgermeisters Gottfried Lange (1672-1748), der auch Kirchvorsteher der Thomaskirche war, der zweite Name ist der zweite Name des Paten D. Friedrich Heinrich Graff d. Ä. Es folgen:
  3. Kind: Christian Gottlieb 1725, nachbenannt nach dem Paten Gottlieb Christian Wagner und zwei weiteren Paten, die Christian heißen. Der Name Gottlieb wird als protestantische Neubildung mit wörtlicher Bedeutung bzw. zugleich Übersetzung von Theophil und Amadeus interpretiert.
  4. Kind: Elisabeth Juliana Friederica 1726, nachbenannt nach den Patinnen Christiana Elisabeth und „Juliana, HErn D. Carl Friedrich Romani, des Raths, und Stadt Richters alhier etc. EheLiebste“ (zitiert nach PETZOLDT 2008: 47). Der dritte Name Friederica ist eine Movierung von Friedrich. Ob der Name eine Reminiszenz an den regierenden Friedrich August I., der ab 1694 bis 1733 Kurfürst von Sachsen war, oder in Beziehung zu dem auf dem Taufzettel genannten Vater der Taufpatin, Johann Friedrich Falckner zu verstehen ist, kann hier nicht ermittelt werden.
  5. Kind Ernestus Andreas 1727, nachbenannt nach den Paten D. Johann Ernst Kregel und Andreas Rivinus.
  6. Kind: Regina Johanna 1728, nachbenannt nach der anwesenden Patin Johanna Christina Krebsin und der „Vice Pathin“ Regina Christina Ernestin, die wohl wegen der Nottaufe nicht anwesend sein konnte.
  7. Kind: Christiana Benedicta Louisa 1729. Beide Namen sind Nachbenennungen nach Paten. Christiana ist die movierte Form von Christian, so lautet der Name des Paten Christian Gottfried Moerlin, die anderen Paten heißen Sophia Benedicta Carpzov und Catharina Louisa Gleditsch.
  8. Kind: Christiana Dorothea 1731, nachbenannt nach der Patin Christiana Dorothea.
  9. Kind: Johann Christoph Friedrich 1732, nachbenannt nach den Paten Johann Siegismund Beiche (oder eventuell. auch dem Vater?) und Christoph Donndorff. Zum Namen Friedrich vgl. das 4. Kind Friederica.
  10. Kind: Johann August Abraham 1733, nachbenannt nach dem Paten Johann August Ernesti und Abraham Kriegel (1691-1759).
  11. Kind: Johann Christian 1735, nachbenannt nach den Paten Johann August Ernesti und Christiane Sibylla Bose (?).
  12. Kind: Johanna Carolina 1737, nachbenannt nach den Paten Johanna Elisabeth Henrici und Sophia Carolina Bose.
  13. Kind: Regina Susanna 1742, nachbenannt nach den Paten Anna Regina Bose und Susanna Elisabeth Bose.

Die Taufzettel sind aus namenkundlicher Sicht ein hochinteressantes Zeugnis, zeigen sie doch die „gebundene Namenwahl“ nach Paten in der Zeit zwischen 1724 und 1742 in Leipzig. Die Reformation konnte hier gar keine Auswirkungen auf die Namengebung haben, weil praktisch alle Namen der dreizehn Leipziger Kinder Johann Sebastian Bachs durch das Motiv der Nachbenennung nach Paten vorgegeben waren, einzige Ausnahme ist das Namenpaar Friedrich [1] und Friederica. Diese Taufzettel (und Taufbücher generell) können für die Motive der Vornamenwahl sehr aufschlussreich sein. So kann im Falle der Familie Bach auch rekonstruiert werden, welche sozialen Beziehungen zu Stadtoberen der Thomaskantor hatte und wie durch Nachbenennung die Paten geehrt wurden und bestimmte Namen eben auf diese Weise über Generationen hinweg tradiert wurden. Alle Leipziger Bachkinder hatten drei Paten, von den dreizehn Kindern hatten fünf drei Namen, die anderen nur zwei, d.h. es musste ausgewählt werden, welche Patennamen vergeben wurden. In der protestantischen Familie Bach wurden keine Namen aus dem Alten Testament ausgewählt, der alttestamentliche Name Abraham und der deutsche Rufname Gottlieb, die als protestantischer Namen bezeichnet werden könnten, sind hier aber keine programmatischen Namen der Bachs, sondern Nachbenennungen nach den Paten.

 

Quelle: Petzold, Martin (2008): Bachs Leipziger Kinder. Dokumente von Johann Sebastian Bachs eigener Hand, Leipzig.

 

 

 


[1] Friedrich kann in Sachsen als dynastischer Name angesehen werden, er ist in sechs Generationen vertreten, so auch zur Zeit Bachs mit Friedrich Christian Leopold Johann Georg Franz Xaver, Kurfürst von Sachsen (1722-1763).